Gedenkstättenfahrten gehören seit einigen Jahren unentbehrlich zu unserem Schulprofil am Anno. Das Konzentrationslager Buchenwald ist dabei fester Bestandteil und wurde am ersten Osterferienwochenende 2019 bereits zum vierten Mal mit einer interessierten Schülergruppe und wie gewohnt unter der Leitung der Schulpfarrerin Annette Hirzel angefahren. Auch in diesem Jahr wurde die Fahrt durch die Evangelische Kirche im Rheinland finanziell unterstützt, sodass alle im bezahlbaren Rahmen drei interessante Tage in Weimar und Erfurt erleben konnten.

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Es gab an diesem Wochenende authentisches „Buchenwald-Wetter“, wie es der Zeitzeuge Naftali Fürst am Tag der Gedenkveranstaltung zum 74. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bezeichnete. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Prof. Dr. Volker Knigge, sah in diesem kalten Wind und Schnee die Möglichkeit für uns, die wir alle auf dem Appellplatz standen, nachzuempfinden, wie es damaligen Häftlingen des KZ ergangen ist.

O-Ton aus der Gruppe:
„Für mich ist es nicht erklärbar, wie man den Winter dort überlebt hat. Bei unserer Besichtigung haben wir uns alle schwer getan bei der Kälte, obwohl es „nur“ 0 Grad waren und nicht -25 Grad wie damals zum Teil.“

Buchenwald war von 1937 bis 1945 ein Arbeitslager der Nationalsozialisten, in dem neben Juden auch politische Gegner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas sowie Sinti und Roma inhaftiert waren. Trotz des Wetters waren an diesem Tag noch lebende Überlebende des KZ aus 19 Ländern angereist, von denen dieses Jahr zwei ehemalige Deportierte aus Polen und Rumänien jeweils eine Rede über ihre Erfahrungen hielten. Die Schülerinnen und Schüler lauschten wie gebannt, denn wer kann die Eindrücke der damaligen Zeit besser vermitteln als diejenigen, die sie selbst erfahren haben. Solche besonderen Erlebnisse wird es nicht mehr lange geben, denn die Überlenden werden immer älter und können nicht ewig leben. Umso mehr schätzte die Gruppe die Erfahrung, die sie an diesem Wochenende machen konnten.

„Ich empfinde es als unglaubliches Privileg, dass wir – die Nachkommenden – noch die Möglichkeit haben, mit Überlebenden dieser Zeit zu sprechen…
Was ich weitergeben möchte: niemals vergessen und ähnliche Entwicklungen (Ausgrenzung, Rassismus) mit aller Kraft zu bekämpfen. Nazismus und Faschismus sind keine Meinung, sondern ein Verbrechen, und die Symbole dieser Zivilisationsbrüche sind die immer wieder zu besuchenden Lager wie Buchenwald mitsamt seinen Stacheldrähten, Genickschussanlagen und Öfen.“

Besonders eindrücklich war am Seminartag mit dem Gedenkstättenpädagogen Lothar Billep am Samstag vor der offiziellen Feier auch das persönliche Gespräch mit Naftali Fürst. Er hat unsere Schule bereits mehrfach besucht und stand unseren Schulgruppen auch in der Gedenkstätte Buchenwald schon mehrmals zum Zeitzeugengespräch zur Verfügung gestanden. Um Naftali wiederzusehen, waren auch vier ehemalige Schüler, die ihn 2015 hier kennengelernt hatten, privat angereist.

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Als Zwölfjähriger war Naftali Fürst von Auschwitz aus auf den Todesmarsch nach Buchenwald geschickt worden. Im Lager angekommen war er sehr krank, überlebte aber auch dank der inhaftierten Prostituierten, die ihn im Bordell mit Schokolade und Decken wieder versuchten aufzupäppeln. Nach einem kurzen Filmausschnitt über den Kinderblock 66 des KZ Buchenwald hatten die Schülerinnen und Schüler viele Fragen, die sie Naftali stellten und die er alle gerne und ausführlich beantwortete. Am Ende des Gespräches gab es noch Zeit zur Signatur seiner Biografie (Naftali Fürst, Wie Kohlestücken in den Flammen des Schreckens – Eine Familie überlebt den Holocaust) und ein gemeinsames Gruppenbild.

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„Meine Erwartungen wurden übertroffen von der an sich bindenden Persönlichkeit von Naftali Fürst, der mit seiner vergebenden und herzlichen Art wieder ein großes Stück Hoffnung in die Menschheit entstehen lässt, nachdem diese durch die Konfrontation mit den NS-Gräueln fast schon erloschen war.“

„Das Gespräch mit Naftali Fürst hat mir gezeigt, wie stark ein Mensch sein kann. Mit seiner lebensfrohen sowie liebvollen Art zeigte er mir, dass er trotz seiner schlimmen Erlebnisse nie aufgehört hat nach vorne zu blicken. Ich bewundere diesen Kampfgeist sehr und bin zudem auch dankbar, dass ich heute an seiner Geschichte teilhaben durfte.“

Neben dem Wetter sorgte auch eine sehr ergreifende Führung über das Gelände der Gedenkstätte dafür, dass man ein Gespür dafür bekam, was an diesem Ort damals Grausames und Menschenentwürdigendes geschehen ist. Diese Eindrücke können Worte allein (z.B. aus Schulbüchern) nicht vermitteln. Diese seltsamen und bedrückenden Gefühle waren vor allem bei der Besichtigung von Gebäuden spürbar, in denen berichtet wurde, auf welch perfide Art und Weise hier Menschen ermordet wurden. Dabei war Buchenwald im Gegensatz zu Auschwitz kein Vernichtungslager, sondern ein Straf- und Arbeitslager. Trotzdem gab es auch in Buchenwald gezielte Ermordungen einzelner Personengruppen. Obwohl in der Gedenkstätte nicht mehr viele Gebäude erhalten sind, ist es trotzdem ein schauderndes Gefühl die Weite des Geländes (an diesem Wochenende hauptsächlich im Nebel) zu sehen und sich dabei vorzustellen, wie viele Menschen hier ungeheuer leiden mussten.

„Das wirklich Erschreckendste war die Gleichgültigkeit der Stadtbewohner Weimars, die zwar in unmittelbarer Nähe zum KZ lebten und mitbekamen, was für Schandtaten dort begangen wurden, dagegen allerdings kaum etwas bis gar nichts unternahmen. Die Geschichte um diese Zeit herum zeigte doch, dass das Regime sich zumindest öffentlich von solchen Plänen abbringen ließ. Dass die Bürger Weimars sich dennoch so profitbestrebt an diesem Geschäft mit Menschen beteiligten, lässt mich an der Vernunftbegabung des Menschen zweifeln.“

Insgesamt schätzt man die Anzahl ermordeter Menschen in Buchenwald auf etwa 56 000.Das Thema der ungeheuren Leichenmengen thematisierte die Gruppe bereits am Anreisetag, als es einen Zwischenstopp in Erfurt gab. Hier ist der Gedenkort Topf & Söhne, die so genannten „Ofenbauer von Auschwitz“, aber auch von Buchenwald. Während der Führung wurde uns allen klar, wie emotionslos die Angestellten der Firma hier den Bau der Öfen planten und ganz nüchtern versuchten, den für sie anscheinend rein technischen Prozess der Verbrennung immer weiter zu optimieren.

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„Mir wurde erst später im Lager Buchenwald langsam bewusst, wie surreal der Wettkampf um den perfekten und effizientesten Mord war.“

Gedenkstättenfahrt bedeutet jedoch nicht nur, von Gedenkort zu Gedenkort zu fahren und sich grausame Wirkungsstätten des Nationalsozialismus vor Augen zu führen. Zwischenzeitlich ist es auch wichtig, den Kopf wieder frei zu bekommen und die Eindrücke sacken zu lassen. Deshalb gab es in Erfurt und Weimar auch ein kleines Kulturprogramm sowie Zeit für eigene Stadterkundungen.
In Erfurt gab es beispielsweise mit den alten Synagogen, der Krämerbrücke, dem Augustinerkloster sowie der schönen Altstadt einiges zu bewundern. In Weimar gab es an allen drei Tagen immer wieder Abschnitte, an denen verschiedene Ecken der Stadt in Kleingruppen erkundet wurden. Manch einer besuchte Goethes altes Wohnhaus, die Anna Amalia Bibliothek oder auch den musikalischen Festgottesdienst mit Texten von Dietrich Bonhoeffer in der Herderkirche.
Am Ende waren ausnahmslos alle Mitgereisten froh, dabei gewesen zu sein. Mit einem Schatz an neuen Erfahrungen ging es am dritten Tag schon wieder nach Hause Richtung Ferien. Für die meisten stand da schon fest, dass sie die nächste Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz im August 2020 auch auf jeden Fall mitmachen möchten. Zunächst steht jedoch ein Nachbereitungstreffen an, auf das sich auch schon alle freuen, um noch das ein oder andere Thema zu vertiefen. Auch die mitgereisten Kolleginnen Sabine Kharkan-Küster und Jana Jones sowie die Referendare Jan Veit und Philipp Meine freuen sich über die gemeinsam gesammelten Eindrücke mit dieser tollen Studienfahrtgruppe in diesem Jahr.

Jana Jones
Auch im April 2020 bietet Schul-Pfarrerin Annette Hirzel eine freiwillige Fahrt zur Gedenkstätte Buchenwald mit Teilnahme an der Gedenkfeier zu „75 Jahre Befreiung“ an.

Einen Artikel über die Gedenkstättenfahrt im General-Anzeiger Bonn findet man hier: http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/sieg-und-rhein/siegburg/Siegburger-Gymnasiasten-besuchen-KZ-Buchenwald-article4090232.html