Melissa Quints Großvater Willi Moritz Kessler hatte seine einzige Enkelin nicht mehr erlebt. Der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebende war einige Jahre vor ihrer Geburt gestorben.
Aber für seine Nachkommen hatte er über viele Jahre alles, was er in Zeitungen über Auschwitz fand, akribisch ausgeschnitten und mit seinem Schicksal und dem seiner ermordeten Familie als Collagen zusammengestellt, mehrere Aktenordner voll. In etlichen Gedichten, Aufsätzen und Tagebucheintragungen hatte er über das schier Unsagbare in Wort und Bild Zeugnis abgelegt für die, die nach ihm kommen.

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2010 hatte die damalige Sechstklässlerin am Anno-Gymnasium - noch ganz ahnungslos, was da auf sie zukam - begonnen, Bilder ihres Opas mit in die Schule zu nehmen. Denn dort waren Auschwitz-und Buchenwald-Überlebende als Zeitzeugen zu Gast. Über die Jahre hat sie zusammen mit ihrer Religionslehrerin Spur um Spur verfolgt. Ihrem Großvater waren nach Auschwitz, Todesmarsch und Befreiung am 11. April 1945 in Buchenwald nur ein paar Fotos als letzte Erinnerung an seine ermordeten Eltern, seine beiden Brüder und seine Schwester geblieben. Die fand er in der Schublade einer Kommode im elterlichen Haus in Berlin, das da schon längst von fremden Menschen bewohnt wurde.

Zurückgreifen konnte sie auch auf verschriftlichte Interviews aus den 1980er Jahren, die Bonner Studenten um den damaligen evangelischen Studentenpfarrer mit ihrem Opa und anderen Holocaust-Überlebenden geführt und dazu unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlers Willy Brandt eine Ausstellung organisiert hatten. So konnte Melissa als Oberstufenschülerin die traurige Lebensgeschichte ihres Großvaters und seiner Familie nach und nach zusammensetzen. Vater und Tante halfen.

2015 hatte Melissa auf einer Schulfahrt zur Gedenkstätte Buchenwald Kopien der Archiv-Unterlagen ihres Großvaters erhalten.
Schon mehrfach hat sie in der Schule und an anderen Orten im Rhein-Sieg-Kreis bebilderte Vorträge gehalten. Ein ausführlicherer Bericht über das Schicksal von Willi Kessler findet sich hier

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Zur Vorbereitung auf die im April dieses Jahres anstehende Buchenwald-Fahrt erschien die Abiturientin von 2017 auf Einladung ihrer ehemaligen Religionslehrerin, Schul-Pfarrerin Annette Hirzel, gern wieder an ihrer alten Schule. Die Zeitzeugin der dritten Generation zog unerwartet viele Jugendliche in den Anno-Salon, der sich mit jungen Menschen bis auf den letzten Platz füllte. Gebannt hörten sie der ehemaligen Mitschülerin zu, die nicht vor ihnen stehen würde ohne den unglaublichen Lebenswillen ihres aus Berlin stammenden und später im Oberbergischen lebenden Großvaters: „Einer muss überleben.“

Diesem Vermächtnis weiß Melissa sich mit Herz und Verstand verpflichtet. Und das spürten ihr ihre vielen Zuhören an, die ihr für ihren beeindruckenden Vortrag mit langem Applaus dankten.
Zum Abschluss las sie ein Gedicht ihres lebenslang angeschlagenen Opas vor, dem sein sehnlicher Wunsch unerfüllt bleiben musste, selbst einmal zurückzukehren an den Ort des Grauens, um sich von seiner dort ermordeten Familie zu verabschieden:

bild51General-Anzeiger-Bonn