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Unser Anno-Bistro


In seinem Buch „November 1938“ mit dem Untertitel „Die Katastrophe vor der Katastrophe“ schreibt der renommierte Historiker Raphael Gross: „In der deutschen Geschichte gibt es nichts, was mit den Novemberpogromen von 1938 vergleichbar wäre: Niemals zuvor wurde das Gewaltmonopol des Staates in aller Öffentlichkeit in die Hände einer antisemitischen „Volksgemeinschaft“ gelegt… Durch ihren öffentlichen Charakter stellten sie in gewisser Weise den sichtbarsten Teil dessen dar, was später Holocaust oder Shoa genannt wurde… 1938 fand die mit der Aufklärung einsetzende deutsch-jüdische Epoche ihr gewaltsames Ende…Das Jahr 1938 steht für … den Übergang von der Diskriminierung und Entrechtung zur systematischen Verfolgung, Beraubung und Vertreibung.“ Es geschah vor aller Augen.

Beider „Katastrophen“ – Kristallnacht und Holocaust - haben die Schülerinnen und Schüler 80 Jahre nach der „Reichskristallnacht“ gedacht.
Übrigens: Seit den späten 70er-Jahren wird dieser Begriff im deutschen Sprachgebrauch – im Gegensatz zum englischsprachigen – als verharmlosend empfunden und vermieden. Für viele Historiker, auch jüdische, ist diese scheinbar politisch korrektere Bezeichnung nicht unbedingt die angemessenere. Die von den Nazis damals als „spontanen Volkszorn“ inszenierten Terrorakte gegen jüdische Menschen und ihre Einrichtungen wurden von einem Teil der Bevölkerung mit der „hochtrabenden Sprache der Herrschenden“ als „Reichskristallnacht“ – in Anspielung auf die Glasscherben - betitelt und damit à la „Berliner Schnautze“ aufs Korn genommen. (Ähnlich karikierend wurden auch Begriffe wie „Reichstrunkenbold“ oder „Reichswasserleiche“ gebraucht.) Dieser Jargonausdruck war nicht Nazijargon, sondern entlarvte in seiner „Doppelbödigkeit und Doppeldeutigkeit“ die NS-Propaganda und wurde zu einem nicht ungefährlichen Ventil des Widerstands auch für damalige Kabarettisten wie Werner Fink.

Zur Gedenkveranstaltung waren die Jgst. 11 und 12 erschienen, viele auch aus Jgst. 9 und 10. Selten still und aufmerksam wurde es in der vollbesetzten Aula, als eine Schülergruppe an diesem denkwürdigen Tag einen großen historischen Bogen schlug: von der Polenaktion Ende Oktober 1938 -Testlauf für Massendeportationen jüdischer Menschen - über die nie geahndeten Pogrome am 9. und 10. November 1938 - Schleusenbrecher für deren Auslöschung - bis zum authentischen Ort der Menschheitskatastrophe des 20. Jahrhunderts, für den Auschwitz zum Synonym geworden ist.
25 Jugendliche hatten sich Ende Mai freiwillig dorthin auf den Weg gemacht. Sie kamen mit einem Schatz an Erfahrungen und persönliche Eindrücken zurück, die sie für ihre Mitschüler in Wort und Bild zusammengefasst haben.

Schulleiter Sebastian Kaas wies zu Beginn auf die unverkennbaren Bezüge zur Gegenwart hin, in der in menschenverachtender Sprache schleichend und doch „vor aller Augen“ ein Tabu nach dem anderen gebrochen wird.
Als Gäste konnte er Ingrid Schaeffer-Rahtgens begrüßen, Tochter eines in die Vorbereitungen zum 20. Juli involvierten Widerstandskämpfers, der im August 1944 hingerichtet worden war. Sie vertrat die Bethe-Stiftung, die diese Studienfahrt, die fünfte am Anno unter Leitung von Schulpfarrerin Annette Hirzel und in Begleitung von Jana Jones und Anastasia Marx, großzügig bezuschusst hatte. In treuer Verbundenheit zu seiner ehemaligen Schule, deren Gedenkarbeit er nach Kräften unterstützt, war auch der Geschäftsführer Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln, Norbert Michels, gern der Einladung gefolgt. Vor genau einem Jahr hatte Dr. Werner Schneider hier einen Vortrag zu Oskar Schindler und Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ gehalten, und so freuten sich die Jugendlichen, dass auch er sich persönlich einen Eindruck verschaffen wollte von den von ihm gelegten Spuren, die sie bei ihrem Besuch im Schindler-Museum in Krakau hatten vertieften können.
a002 Dr.Werner Schneider, Ingrid Schaeffer-Rahtgens, Norbert Michels (v.l.n.r.)

Die Gruppe hatte sich umfangreich auf die Fahrt vorbereitet und ihre Erlebnisse und Eindrücke gründlich reflektiert. Das alles wurde für diese Gruppenpräsentation gebündelt.

Gina Weßler, die im Januar 2019 an der Internationalen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages in Berlin teilnimmt, gab vor dem Bericht der Auschwitz-Gruppe einen bebilderten Einblick in den historischen Kontext der Novemberpogrome von 1938. Sie skizzierte die Ereignisse der Polenaktion Ende Oktober und das dadurch ausgelöste Attentat von Herschel Grynszpan in der Deutschen Botschaft in Paris, das propagandistisch ausgenutzt wurde für den angeblich „spontanen Volkszorn“, der sich in den darauffolgenden Tagen von langer Hand vorbereitet hemmungslos und barbarisch entlud, auch in Siegburg. Es geschah vor aller Augen.

Mit dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, begann die weltweite Blut- und Vernichtungsspur des Hitler-Regimes, deren Ziel von Anfang an die Eroberung Osteuropas und die Vernichtung alles Jüdischen war. In dem kleinen Städtchen Oświęcim (Auschwitz) helfen regelmäßig junge Deutsche im Freiwilligen Auslandsdienst bei der historischen Spurensuche in diesem einst so friedlichen Miteinander der Katholiken mit der damaligen jüdischen Mehrheitsbevölkerung. Hier entstand nach der Okkupation Polens aus verkehrsstrategischen Gründen ein immer größeres Häftlingslager, das billigste Arbeitssklaven für die hier angesiedelten deutschen Produktionsbetriebe und Fabriken bot, später auch das Vernichtungslager Birkenau.

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Im Hintergrund das Eingangsgtor „Arbeit macht frei“ in KL I Stammlager

Nur annähernd kann der „Alltag“ in diesem „Niemandsland der Menschlichkeit“, in der der Tod allgegenwärtig war, mit Worten beschrieben werden. 90 % der hier Umgekommenen waren Juden. Frau Jones hatte auf der Fahrt auch die Opfergruppe der Sinti und Roma mit einem eigenen Vortrag ins Bewusstsein gebracht. Kurzbiografien von Tätern wie dem „Todesengel von Auschwitz“, dem Arzt Josef Mengele, der zeitweise auch in Bonn studiert hatte, oder dem „Schlächter“ des Arbeitslagers Płaszów bei Krakau, Amon Göth, ließen ahnen, zu welcher skrupellosen Brutalität Menschen fähig sind.
Opfer wie der auch am Anno nicht unbekannte Überlebende Naftali Fürst, den viele 2017 in Buchenwald kennengelernt hatten, und die Musikerinnen im Mädchenorchester von Auschwitz, Anita Lasker-Wallfisch und Esther Bejarano, die wir persönlich am Anno hatten erleben können, halfen, dem namenlosen Grauen Gesichter zu geben. Was hier geschehen ist, war kein blindes Schicksal, es war von Menschen geplant und in perfider Perfektion an Menschen verübt.
Es hat gut getan, nach diesen intensiven Tagen in Auschwitz zum Abschluss das 70 km entfernte Krakau zu besuchen, mit der Erinnerung an Oskar Schindler, mit den wieder erstarkenden Spuren dieses einst blühenden jüdischen Zentrums im Stadtteil Kazimierz, mit der Altstadt, ihrem touristisch belebten Marktplatz, den einladenden Gassen rund um die Marienkirche mit dem berühmten Veith-Stoß-Altar.
Ein Wunder, dass hier das Leben in seiner Vielfalt wieder blüht und wir Deutsche in diesem von Deutschen so zerstörten Land nirgendwo auf Ressentiments gestoßen sind.

Nach dem Besuch von KL I (Stammlager) und KL II (Vernichtungslager Birkenau) hatten die Jugendlichen das, was sie persönlich bewegt, als einen ersten Eindruck aufgeschrieben. An jenem Abend in Polen entstand ein Poem, das für die gesamte Gruppe zum Résumé wurde:

Wir gedenken
Ich sehe die Häuser. Fassaden. Alles nur Fassaden.
Ich sehe die Zellen. Wände. Alles nur Wände.
und ich hörte von Millionen Toten. Worte. Alles nur Worte.
Doch ich sehe die Gesichter. Überall sehe ich sie. Hier waren Menschen.
Sie hatten Herzen wie wir, oder?
Sie haben gefühlt, gelitten, sind verzweifelt.
Und wir gedenken.

Aber ist das denn genug?
Ist es genug für die verlorenen großen Lieben? Die Kinder?Die Mamas? Die Papas? Omas? Opas? Und für die verlorenen Freunde?
Für all die Menschen........Es waren Menschen...
Und wir gedenken.

Wie ist es?
Wie ist es die Heimat in einer Nacht zu verlieren?
Und auf einmal ist alles kalt.
Ich fühl mich so verloren. Bin so klein, so winzig klein, fast schon bedeutungslos
und wir gedenken.

Einige weinen.
Ich fühle nichts. Nur Leere.
Verwirrende Leere, die zum Schmerz wird.
Aber mein Schmerz ist klein, winzig klein, fast schon bedeutungslos gegenüber dem den die Menschen erfahren haben.
Die Menschen. Es sind Menschen.
Und wir gedenken.

Wir gedenken, weil wir die Zeit nicht zurückdrehen können, so gern ich das möchte.
Wir gedenken, weil es das einzig Richtige ist.
Und es ist NICHT genug.
Es bringt sie nicht zurück und es macht auch nichts wieder gut, aber es erinnert.

Und so gedenken wir.
(Poem von Paula Kellermann)

Annette Hirzel, Schulpfarrerin