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Ein umgeworfener Tisch, herunterhängende Mikrophone, herumliegende Stühle, eine ramponierte Filmkamera auf dem Boden – Bühnenbild nach einer Pressekonferenz, die aus dem Ruder gelaufen sein muss.

120 Jungen und Mädchen der Jahrgangsstufe 9 erfahren von der Theaterpädagogin des Jungen Theater Hof, Saskia Botzen, dass hinter der Geschichte, die sich in dem Ein-Mann-Stück ihren Weg auf die Bühne bahnt, eine wahre Geschichte steckt, gründlich recherchiert und inszeniert von Regisseur Bernd Plöger, Leiter des Jungen Theater Hof.

Der 19-jährige David K. aus Kempten – auf der Bühne heißt er „Lukas“ und kommt aus Ratingen – war ein ganz normaler, unauffälliger sportbegeisterter Realschüler mit ganz normalen Freunden. Auf seiner Suche nach Sinn fand er im Islam Antworten und Lebensregeln, die ihn überzeugten. Er konvertierte.
Aber von dort zogen ihn „Freunde“, muslimische Fundamentalisten, in ihren Bann, in deren totalitärer Weltordnung nur der „Islamische Staat“ Existenzrecht hat. Er sonderte sich immer mehr von Familie und früherem Freundeskreis ab. Dschihad bedeutet eigentlich im Islam „Anstrengung“, „Bemühung“. Diese extremistischen Salafisten aber instrumentalisierten den Dschihad als angeblich göttlichen Ruf in den „Heiligen Krieg“ gegen die „Ungläubigen“. Der junge deutsche Konvertit machte sich auf über die Türkei ins syrische Kampfgebiet – und kam dort als Dschihadist ums Leben. Das war 2014.
Auf der Bühne nun tritt sein „Vater“ auf, verzweifelt, radikal entlarvend, mal stumm, mal bebend vor Wut, beeindruckend gespielt von Schauspieler Hanno Dinger. Von hinten rollt er die Pressekonferenz noch einmal auf und schlüpft in die Rollen derer, die sich hier mit ihren Erklärungen und Deutungen zu Wort gemeldet hatten. Wie Scherben eines zerbrochenen Glases werden die verschiedenen Perspektiven ins Licht gerückt:
Da ist der Vertreter der Landesregierung mit seinem lapidaren Statement „Gewalt ist auch keine Lösung“ – „Schwachsinn“, so Lukas Vater. Da ist der Pressesprecher der Stadt Ratingen, dem es eher um seinen persönlichen Auftritt vor den Kameras geht. Da ist der Kommissar, der beteuert, dass man alles gründlich untersucht hat und die Sicherheit zu keiner Zeit gefährdet war. Hinweise habe es vorher keine gegeben. Auch der Freundeskreis von Lukas sei im Visier. Interviews mit Jugendlichen werden per Video eingespielt. Die Jungs um Lukas herum scheinen nichts Auffälliges bemerkt zu haben. Auch über die Musikszene, so hat der Vater in seinen schlaflosen Nächten rausgefunden, ist sein Sohn infiltriert worden. Der salafistische Gangsta-Rapper DESO DOGG, Denis Cuspert, war für Lukas wohl so etwas wie ein Guru. Ob der noch lebt oder auch im Kampf getötet wurde? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Gewalt verherrlichenden Songs dieses Ex-Rappers, der ebenfalls im Video auftaucht, hat der Vater in- und auswendig gelernt. Er will wissen, er will verstehen, was Lukas getrieben hat. Warum ist sein Sohn ein Selbstmordattentäter geworden? Wie konnten solche „Songs“ nur auf RTL landen? Sogar ein Droh-Video von Cuspert, in dem er den Kopf eines enthaupteten Mannes hochhielt, konnte er im Internet finden.

Und die Schule? Nein, sagt der Lehrer, bei uns war Lukas total unauffällig. Nur seine Noten in Mathe haben sich verschlechtert. Auch der Bürgermeister will Stellung beziehen. Doch, man wusste, dass es vereinzelt extremistische Motive gab, aber die hatten in dieser bieder-kleinbürgerlichen Stadt keine Chance. Und natürlich wurde auch das Beratungszentrum Niederrhein konsultiert. Da ist niemandem ein Vorwurf zu machen.
Und dann kommt aus dem Mund von Lukas Vater und gegen dessen Willen Lukas Mutter zu Wort, zerknirscht vor Schuldgefühlen. Nein, Lukas hatte die Scheidung damals doch gut verkraftet, er war alt genug, um zu verstehen. Aber er war, nein er IST doch so ein sensibler Junge, so sehr auf der Suche nach Wahrheit, er konnte, nein er KANN nicht anders… Was er getan hat, es wird aus Liebe geschehen sein. Wie schwer hat er sich immer getan in seiner Sinnsuche: „Es gibt 1000 Haltungen – und du sollst die richtige finden?“
Lukas Großvater – das wurde immer verdrängt - hatte bei der Hitler-Jugend „Heil Hitler“ skandiert, Lukas für den IS „Allahu Akbar“ – beide, so das bittere Fazit des Vaters, sind sie Kanonenfutter.

Aber nein, damit will der Vater sich nicht abfinden. Er will ein Happy End. Dschihad- nicht als one-way, nicht als Einbahnstraße. Es muss einen Weg zurück geben, Lukas muss überleben. Und so kommt am Ende Lukas selbst in der Haut seines Vaters auf die Bühne: 10 Sekunden vor dem Bombenrucksack-Attentat, den Zünder in der einen, das Handy mit dem Kommando am Ohr in der anderen Hand. Und Sekunde für Sekunde taucht vor seinem inneren Auge sein Leben auf, seine Eltern, sein Bruder, sein Zeugnis, seine Freundin, sein erster Kuss, Weihnachten, Urlaub in Holland… In der letzten Sekunde – „Drück ab, Lukas!“ – bekommt er eine SMS von seinen Freunden: „Wir denken jeden Tag an dich. Komm zurück, Bruder!“ Was, wenn er nicht abdrückt? Happy End? Das bleibt offen.

Über eine Stunde fesselnder Bühnenauftritt eines Vaters eines Selbstmordattentäters, der die Perspektiven vieler anderer schonungslos ans Licht holt, der selber nichts mehr zu verlieren, aber alles zu gewinnen hat, fantastisch gespielt von Hanno Dinger.
120 Neuntklässler hatten sich in ihren parallelen Religions- und Philosophie-Kursen zuvor schon gemeinsam mit dem Thema extremistischer Salafismus beschäftigt und werden an diesem Theaterstück auch noch zu kauen haben. Einige Fragen konnten sie schon im Nachgespräch mit der Theaterpädagogin ansprechen.

Dieses packende Theaterprojekt ist Teil eines vom Ministerium des Innern und vom Ministerium für Schule und Bildung NRW den Schulen zur Verfügung gestellten Angebotspakets zur Aufklärung über den extremistischen Salafismus.

Außerdem waren auch zwei Mitarbeitende des Präventionsprogramms WEGWEISER aus Bonn gekommen, um den Schülerinnen und Schülern ihre Arbeit in der Anlaufstelle für Jugendliche, junge Erwachsene, Eltern und Schulen mit ihrem kostenlosen Beratungs- und Begleitangebot vorzustellen Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .

Annette Hirzel, Pfarrerin am Anno-Gymnasium

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Schauspieler Hanno Dinger


023Die Theaterpädagogin Saskia Botzen mit 2 Mitarbeitenden des Bonner Präventionsprogramms WEGWEISER