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SdFUnser Anno-Bistro

Der 27. Januar ist internationaler Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Tag im Jahr 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. Aus diesem Anlass haben wir auch in diesem Jahr ganz besonderen Besuch am Anno bekommen: Esther Bejarano, die heute 93-jährige Akkordeonspielerin des Mädchenorchesters von Auschwitz, zusammen mit der Kölner HipHop Band Microphone Mafia.

Schüler-O-Töne:

 „Zu Beginn wussten wir noch nicht, was wir erwarten sollten, da es uns überraschte, dass eine Hip-Hop Band an dieser Veranstaltung teilhaben würde. Doch bereits als Frau Bejarano die Bühne betrat, strahlte sie eine Gelassenheit aus, die man von einer Frau mit ihren Erfahrungen nicht erwartet hätte. Von diesem Zeitpunkt an merkten wir, wie wichtig die Veranstaltung nicht nur des Gedenkens wegen, sondern auch aufgrund der aktuellen politischen Lage war.“


 ,,Ein sehr emotionaler Auftritt. Besonders der Ausschnitt aus ihrem Buch, den sie vorlas, war traurig, zugleich aber auch sehr eindrucksvoll. Zum Glück hatte ich die Möglichkeit, eine der letzten Zeitzeuginnen zu hören.“

Ja, Esther Bejarano, eine kleine, zierliche Frau mit weißem Kurzhaarschnitt und hellwachen Augen, ist mit ihren 93 Jahren eine der letzten Auschwitz-Überlebenden, die noch berichten können, was sie mit eigenen Augen gesehen, am eigenen Leib erlebt haben. Und das unter dem Motto: „Ich hatte viel Glück in meinem Leben gehabt.“


Esther
 (Foto: J. Huberti-Post)


An dieses überraschende Zitat erinnerte Cordula Engel bei der Begrüßung im Namen der Schulleitung und machte deutlich, dass heute das Anno „von Glück“ sagen kann über die Möglichkeit dieser besonderen und einzigartigen Begegnung.

Es wurde ganz still in der fast vollbesetzten Aula, als Esther Bejarano mit leiser, aber fester Stimme aus ihren „Erinnerungen“ zu lesen begann. Sie nahm ihre Zuhörer gleich zu Beginn nüchtern mit auf ihre grauenvolle Eisenbahnfahrt nach Auschwitz: in einem nahezu fensterlosen Viehwaggon, mit 80 bis 100 Menschen, Juden wie Esther auch, vollgestopft, tagelang unterwegs ohne zu wissen wohin, nur ein Kübel in der Ecke für die Notdurft der ahnungslosen Passagiere.

„Nach ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt der Zug endlich am 20. April 1943, und die Türen des Waggons wurden geöffnet.“ Sie waren in Auschwitz, genauer in Birkenau. An der berüchtigten Rampe wurden die einen – Alte, Schwache, Mütter und Kinder – auf Lastwagen verfrachtet und – das wusste Esther damals noch nicht - ins Gas gefahren.

Esther, 18 Jahre jung, gehörte zu denen, die zur Sklavenarbeit selektiert wurden. Ihnen wurden die Haare geschoren, Nummern in den linken Arm eintätowiert, Häftlingskleidung ausgeteilt. „Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern.“ In ehemaligen Pferdeställen kamen sie unter, schliefen zu 8 bis 10 Frauen in Holzbojen ohne Matratzen und Decken. Bis heute sitzt ihr die Kälte im Nacken, der sie damals ausgesetzt war. Im Lager herrschten Hunger und Kälte, ständiger Durchfall, unzählige Läuse und Flöhe. Und dann nach dem Morgenappell erbarmungsloses Schuften den ganzen Tag lang – völlig sinnloses Hin- und Herschleppen von schweren Steinen auf einem Feld, Schikane pur, brutal und ohne Rücksicht auf die, die dem nicht mehr gewachsen waren. Lange hätte auch sie das nicht ausgehalten.

„Diese Phase der Geschichte Deutschlands wird einem nochmals näher gebracht, wenn eine Zeitzeugin davon berichtet, was sie persönlich erlebt hat. Vor allem die geschilderten Details, z.B. was es zu essen in den Lagern gab oder wie die Schlafsituation war, lassen nur im Ansatz das Leid der Betroffenen erahnen.“

Musik hat ihr das Leben gerettet. 1924 in einer musikalischen jüdischen Familie im Saarland aufgewachsen, hatte Esther Klavierspielen gelernt und besaß eine sehr schöne Sopranstimme. 1943 wurden in Auschwitz, an diesem Ort, der jedem die Luft zum Atmen nahm, Musikerinnen für ein Lagerorchester gesucht. Die meisten Konzentrations- und Vernichtungslager hatten eigene Orchester aus Gefangenen. Sie musizierten für die SS-Schergen, um ihnen in ihrem „Arbeitsalltag“ und in ihrer „Freizeit“ „kulturelle Abwechslung“ zu bringen, Mozart, Beethoven, Schubert, Märsche, Schlager, Walzer. Aber sie hatten auch frühmorgens am Tor zu stehen, wenn die Arbeitskolonnen ausrückten und abends, wenn sie, mit den bei der Arbeit gestorbenen oder ermordeten Kameraden auf den Schultern, zum Zählappell wieder einmarschierten, immer im Takt, den die Musik des Orchesters vorgab.

Gesucht wurde eine Akkordeonspielerin. Dieses Instrument hatte Esther zuvor noch nie in den Händen gehalten. Sie improvisierte mit den Tasten und Akkorden und konnte tatsächlich den damaligen Schlager „Bel Ami“ vorspielen. Darüber, dass ihr das gelungen war, staunt sie selber bis heute. So wurde sie in das Mädchenorchester aufgenommen. Dieses Orchester spielte auch in Hörweite der Rampe, wenn neue Züge voller totgeweihter Menschen ankamen. „Wo Musik zu hören ist“, sollten die ahnungslosen Ankommenden denken, „kann es so schlimm nicht sein.“ Esther Bejarano erlebte beides: für sich Flucht in die Musik, in der sie ihr Menschsein wahren, ihren eigenen Gedanken nachgehen, sich vor dem Grauen abschirmen konnte, und zugleich die innere Zerrissenheit, weil ihre geliebte Musik an diesem erbarmungslosen Ort, bar jeder Zivilisation und Kultur, für die Ausbeutung durch Sklavenarbeit und die reibungslose Maschinerie des Mordens missbraucht wurde. 

Aula(A. Hirzel)

Nur knapp überlebte sie eine schwere Erkrankung. Weil sie eine christliche Großmutter hatte, galt sie als „viertel“ arisch. Zusammen mit 70 anderen Frauen „mit arischem Blut“ wurde sie von Auschwitz ins Frauenlager Ravensbrück transportiert. Hier musste sie für die Siemens-Werke arbeiten. Gegen Kriegsende im Januar 1945 rückten amerikanische und russische Truppen immer näher. Die Frauen wurden auf sog. Todesmärsche geschickt, um im Lager Spuren zu verwischen. Esther und einigen Freundinnen gelang dabei die Flucht, und die Mädchen schlugen sich allein durch die Wälder durch und trafen schließlich auf amerikanische Soldaten. De nahen sie begeistert mit in ein mecklenburgisches Städtchen namens Lübsch. Hier feierten sie zusammen mit amerikanischen und russischen Soldaten die Befreiung. Und wie! Ein Soldat hatte für Esther ein Akkordeon aufgetrieben. Mitten auf dem Markt wurde ein irgendwo abgehängtes Hitler-Porträt angezündet, die Freundinnen und die Soldaten tanzten um das Feuer herum, und Esther spielte dazu auf dem Akkordeon. Damals, so sagte sie, hat sie ihre zweite Geburt erlebt.

Von ihrer Familie hatte niemand den Holocaust überlebt. Esther ging nach Israel, heiratete und wurde Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Aber sie kehrte in den 1960-er Jahren auch aus gesundheitlichen Gründen mit der Familie nach Deutschland zurück. Das öffentliche Auftreten von Neonazis in den 1970-er Jahren in Hamburg aber ließen ihr keine Ruhe mehr. Sie wollte Menschen mit ihren Erinnerungen, mit ihrem Einsatz für Toleranz und Frieden und gegen Rassismus aufrütteln. Und damit, so hat sie wenige Tage vor dem Besuch im Anno in einer Fernehtalkshow bekräftigt, wird sie lebenslang nicht aufhören. Seit Jahrzehnten schon ist sie als Zeitzeugin unterwegs. Seit 10 Jahren tritt sie mit der Kölner HipHop Band Microphone Mafia und dem deutsch-türkischen Kölner Rapper Kutlu Yurtseven auf, und ihr Sohn Yoram spielt in der Band E-Gitarre.

Ihrer beeindruckenden Lesung folgte ihr Auftritt mit der Band - und die junge Zuhörerschaft verwandelte sich mehr und mehr von einem stumm gebannten Auditorium zu einem mit der 93-jährigen Rapperin mitsingenden und mitklatschenden Fan-Publikum.
 „Ich hätte gern noch mehr Erzählungen von Esther Bejarano gehört.“

 „Es war erstaunlich mit anzusehen, wie die 93-jährige Frau die Lieder noch immer mit Leben füllen konnte.“

Kutlu wandte sich zwischen den deutschen, jiddischen und italienischen Liedern und Balladen mit deutlichen Worten an die Jugendlichen und spannte den Bogen zur Gegenwart. Er erinnerte an den Mauerfall 1989 und dem seitdem wachsenden und oft schweigend geduldeten Antisemitismus in Deutschland. An die rechtsradikalen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, an die Brandanschläge in Mölln 1992 und in Solingen 1993, bei denen insgesamt 8 Menschen umkamen. Einer der NSU-Morde, der Nagelbombenanschlag, ist in seiner Straße in Köln verübt worden. Eindringlich appellierte er, den Zusammenhang zwischen unserer Lebensform und den Fluchtursachen heute weltweit wahr- und ernstzunehmen.

Nie wieder Krieg
(J. Huberti-Post)

„Zwischen den einzelnen Liedern sprachen die Mitglieder der Band über aktuelle, besorgniserregende Ereignisse und Esther Bejarano trug ein bewegendes Gedicht vor. Am Ende der Veranstaltung hielten die Mitglieder der Band ein Banner über den Kopf der Zeitzeugin, auf dem die Worte „Nie wieder Krieg!“ zu lesen waren.“

„Den Auftritt mit der Hip Hop Band fand ich sehr schön, da die Texte tiefgründig und gesellschaftskritisch waren und es sich auf jeden Fall lohnt, über das Gesungene nachzudenken."

-„Durch die Beschreibungen von Esther Bejarano wurden die unvorstellbaren Taten des Nazi-Regimes noch fürchterlicher. Man konnte sich sehr gut in ihre Situation hineinversetzen. Um so beeindruckender war es, zu sehen, wie lebensfreudig und herzlich sie ist. Mir hat auch sehr gut die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, die durch den Rapper der Band hergestellt wurde, gefallen. Seine Aufforderungen wirkten sehr authentisch und haben gezeigt, dass es auch heute noch Menschen gibt, die die Grundsätze des Hitler-Regimes unterstützen und wir uns alle dafür einsetzen müssen, dass der Holocaust sich nicht wiederholt.“

Ende Mai 2018 werden wieder 25 Jugendliche mitfahren bei der 5. Schulfahrt nach Auschwitz. Sie werden bei dem, was sie dort sehen und erfahren, das Gesicht dieser einen Frau, eine von Millionen Auschwitz-Gefangenen, eine von wenigen Überlebenden, lebendig vor Augen haben.

Esther Bejarano hat ihre Erinnerungen aufgeschrieben in dem gleichnamigen Buch, Laika-Verlag, 17 € (inkl. CD mit Fotos und Filmaufnahmen).

Ein kurzer Filmbericht über diese Veranstaltung vom Rhein-Sieg-TV findet sich auf Youtube.

Vor gut einem Jahr, am 9. November 2016, haben viele Jugendliche die Cellistin des ehemaligen Auschwitz-Mädchenorchesters, Anita Lasker-Wallfisch, am Anno kennengelernt. Diesem beeindruckenden Besuch folgte nun der Besuch von Esther Bejarano und Rapband. Das wurde möglich, weil sich großzügige Unterstützer für meine Initiative fanden, denen ich sehr herzlich danken möchte:

Unbenannt 1

Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln, die Evangelische Kirche im Rheinland, die Bethe-Stiftung und der Ev. Kirchenkreis An Sieg und Rhein.

Annette Hirzel, Pfarrerin am Anno-Gymnasium Siegburg