Ella Anschein – der Name ist Programm. „Das hatte für mich zunächst gar nicht den Anschein, dass das eine interessante Veranstaltung werden könnte“, resümierte ein Schüler, der von dem, was dann kam, sehr positiv überrascht wurde.
Die Poetry-Slam-Künstlerin faszinierte fast 90 Minuten lang drei Q1-Kurse und einige Literatur- und Theaterengagierte mit ihren facettenreichen Poems und ihrer beeindruckenden Persönlichkeit.
Die Siegburger Schauspielschülerin hat 2016 in Bonn Abitur gemacht. Schreiben ist ihre Leidenschaft, seit sie 11 Jahre alt ist. Und politisch engagiert und aktiv war sie schon mit 13. Ihr erster Poetry-Slam-Auftritt mit 16 war eigentlich – im wahrsten Sinn des Wortes - eine Schnaps- (oder Apfelkorn-)Idee. Sie trat tatsächlich an („das war eigentlich eine Teeny-Scheiße“), hatte Erfolg und das machte ihr Mut. „Seitdem ist es Liebe“, sagt sie.
Das Wettbewerbsformat Poetry Slam, erklärt sie, „verbreitete sich ausgehend von Chicago in den 1990- er Jahren bald in der ganzen Welt. Es geht dabei darum, vor einem Publikum einen eigenen Text in einer vorgegebenen Zeit ohne irgendwelche Bühnenhilfsmittel zu inszenieren. Die Zuschauer entscheiden, wer gewinnt.

Beim Bonner Poetry Slam „Rosenkrieg“ war sie schon mehrfach dabei. Beim 12. Siegburger Poetry Slam „Mutanfall“ Anfang März 2017 im Stadtmuseum wurde sie Publikumsgewinnerin. Nein, es gibt kein Preisgeld, antwortete sie auf eine Schülerfrage, es geht nicht um Geld, es geht um Punkte.
Zum Auftakt wählte sie ihren Text „Ich bin kein Girl“, eine krasse Absage an alle Girlie-Klischees, die nicht nur unter die Haut, sondern anstößig und aufrüttelnd auch unter die Gürtellinie ging. Statt Abmagern auf Taillen, die in eine Din-A-4-Seite passen, empfahl sie: „Essen ist ein Top-Konzept“. Aufs Korn nahm sie den körperfeindlichen Enthaarungs- und Schönheitswahn à la Heidi Klum und den Frauen-Geschmack vom „Bachelor“. „Ich will mich toll finden, ohne mich mit dir zu messen… Aufgeben ist was für Girls, nicht für Mädchen.“

Im Gegensatz zum witzig-anstößigen Auftakt war ihr zweiter Text todernst. Mit „Mare nostrum“ gab sie 1100 ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer eine bewegende Stimme, die naheging. O-Ton Publikum: „Das hat bei vielen von uns Gänsehaut hervorgerufen.“ Diesen Text hatte sie vor einigen Wochen auch auf der Demo für „Troisdorf bleibt bunt“ anlässlich der AfD-Delegiertenversammlung vorgetragen, und manch einem waren dabei Tränen in die Augen gestiegen.

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Dort hatte ich sie spontan gefragt, ob sie bereit wäre, auch einmal im Anno aufzutreten. Ohne Zögern hatte sie zugesagt. Kostenlos. „Da es ja um die Begeisterung junger Menschen für Literatur geht, mache ich das gerne ehrenamtlich, da müssen die Jugendlichen nicht in die Tasche greifen“, sagte sie. Dabei finanziert sie ihre eigene Ausbildung durch ihre Auftritte.
Mit weiteren Kostproben ihrer nachdenklichen und auch witzigen Texte und ihrer faszinierenden Selbstinszenierung – z.B. beim unwiderstehlichen Duft eines fremden Mannes im Bus - begeisterte sie das Anno-Publikum. Dabei ist sie nur zwei Jahre älter als die meisten von ihnen. Die haben dann auch die Gelegenheit genutzt, mit ihr ins Gespräch zu kommen und sie zu befragen nach ihrer Motivation, ihrem Werdegang, ihren Erfahrungen, ihren Zielen. Und sie erfuhren: „Der Deutschunterricht war für mich eine Offenbarung.“ Schauspielerei sei nichts für Leute, die auf jeden Fall viel Geld verdienen wollen, dagegen ein “Muss“ für den, den Texte und Bühne nicht mehr loslassen.
„Wundervoll“, „inspirierend“, „eindrucksvoll“, „unterhaltsam“, „offen, ehrlich, direkt“, „nett und sympathisch“, so kam sie rüber. „Wir ziehen unseren Hut.“
„Ich fand gut, dass wir nicht auf Ella vorbereitet wurden, wie das sonst so bei Veranstaltungen ist, sondern wirklich direkt mir ihr konfrontiert wurden.“
„Ich fand gut, auch einmal so etwas zu erleben, was nichts mit dem Religionsunterricht zu tun hat, aber den Horizont erweitert.“ „Man merkte ihr an, dass sie ihre gesamte Persönlichkeit einbringt.“ „Interessant, dass Ella schon so früh angefangen hat und so viel reinsteckt, denn trotz realistischer Einschätzung der schlechten Berufsaussichten macht sie weiter.“
„Schade, dass nicht alle Schüler der Stufe die Gelegenheit hatten, teilzunehmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Interesse an einem Workshop bei Ella hätten.“

Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Ella Anschein bei uns am Anno war.
Wer mehr über sie erfahren oder sie kontaktieren will, schaue sich ihre Homepage an, es lohnt sich: www.ellaanschein.de.

Annette Hirzel