Das „Kristallnacht“-Gedenken am 7. November 2015 im Anno-Salon mit der Lebensgeschichte eines Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden war verstörend persönlich.

Jeder kennt die Geschichten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Doch die Geschichte einmal ganz persönlich, aus der Sicht einer Mitschülerin über ihren eigenen Opa, zu hören, das passiert nicht vielen. So ist es uns mit Melissa Quint gegangen, Schülerin der Q1 am Anno-Gymnasium.

Giulia Bornée aus der EPH hat Eindrücke dieser bewegenden Biografie von Melissas jüdischem Großvater festgehalten – siehe unten.

Eingeleitet wurde die Gedenkveranstaltung mit einer Einführung in die Hintergründe der „Reichspogromnacht“ 1938, bei der Frau Hirzel an die in Vergessenheit geratene sog. „Polenaktion“ Ende Oktober 1938 erinnerte. Diese erste groß angelegte brutale Vertreibung von 17000 aus dem Osten stammenden jüdischen Männern, Frauen und Kindern steht in direktem Zusammenhang mit den als „Racheakt“ und „spontanem Volkszorn“ getarnten, in Wahrheit längst vorbereiteten barbarischen judenfeindlichen Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Auch der Leidensweg der jüdischen Berliner Familie Kessler ist eng damit verwoben.

Melissas Urgroßvater war Schneidermeister und Offizier im Ersten Weltkrieg, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz für seine Tapferkeit für das deutsche Vaterland im Ersten Weltkrieg. Vergeblich hatten Melissas Urgroßelter mit ihren drei Söhnen und ihrer Tochter nach den brutalen Ausschreitungen in der Kristallnacht sich zu schützen versucht durch Flucht nach Belgien . Bedrückend aktuell mutet die „Abschiebung“ in Belgien in die Hände der Gestapo an, aus deren Klauen es kein Entrinnen mehr gab.

1943 war das Familienschicksal besiegelt. Alle sechs wurden in vollgepferchten Viehwaggons in tagelanger Fahrt nach Auschwitz verfrachtet. Auf der berüchtigten Rampe, wo sie nach Männern und Frauen getrennt selektiert wurden, wurde Willis Vater vor den Augen seiner Familie von teils blutjungen SS-Schergen totgeprügelt. Er hatte sich nicht von seinen Söhnen trennen wollen. Mutter und Schwester wurden, wie Willi erst später erfuhr, sofort ins Gas deportiert. Für die drei Brüder begann eine furchtbare Zeit härtester Arbeit, maßloser Demütigung und Schinderei, totaler Entkräftung und Abmagerung bis zur Unkenntlichkeit, die nur Willi überlebte. Alles, was er nach der Befreiung 1945 aus dem enteigneten Berliner Haus für sich retten konnte, waren einige Fotos seiner Familie.

In einer Lungenheilanstalt im Oberbergischen musste er regelrecht aufgepeppelt werden. Eine junge Pflegerin kümmerte sich um ihn. „Aus Mitleid wurde Liebe“, sagte sie später. Die beiden heirateten, und aus der Ehe gingen eine Tochter und ein Sohn hervor. Willi sammelte alles, was er in Zeitungen über Auschwitz finden konnte, stellte über 100 bedrückende Collagen zusammen, in denen er die Zeitungsberichte zusammenfügte mit der eigenen Leidensgeschichte und der qualvollen Todesgeschichte seiner Lieben. Nichts sollte verloren gehen und vergessen werden. In den 1980-er Jahren haben Studenten um den damaligen Bonner evangelischen Studentenpfarrer Jörn Erik Gutheil intensive Interviews mit ihm aufgezeichnet – wertvolle Erinnerung, die Melissa hilft, die Biografie ihres Opas lebendig werden zu lassen und dem Vergessen zu entreißen.

Wie kam Melissa zu dieser Familienrecherche?

2010- da war sie in der Klasse 6 – bekam sie mit, dass ein Auschwitz- und Buchenwald-Überlebender, Naftali Fürst, zum dritten Mal am Anno zu Gast war. Sie sah das Plakat mit dem berühmten Buchenwald-Foto nach der Befreiung 1945 und erzählte ihrer Relionslehrerin, Frau Hirzel, dass ihr Opa dasselbe auch erlebt hätte. Kaum zu glauben. Aber sie brachte dann Fotos einer Holocaust-Ausstellung von 1981 in Bonn mit. Darauf ist ihr Opa mit dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt abgebildet, der Schirmherr dieser Ausstellung war.

Tatsächlich, auch Melissas jüdischer Großvater hatte Auschwitz und den Todesmarsch nach Buchenwald überlebt. Persönlich kennengelernt hat sie ihn nicht mehr, er ist 1993 gestorben.

Im selben Jahr 2010 hat Melissas Vater sich im Anno vor einer großen Sek-II-Schülergruppe interviewen lassen, die von ihm wissen wollte, wie es war, als Sohn eines Holocaust-Überlebenden aufzuwachsen.

Fünf Jahre später hat sie diese Familienbiografie gründlich aufgearbeitet und mit Bildern veranschaulicht.

Im April 2015 hat sie an der Gedenkstättenfahrt anlässlich der Befreiung des KZ Buchenwald vor 70 Jahren teilgenommen. Zur Vorbereitung hatte sie die Lebensgeschichte schon einmal vor der Reisegruppe gehalten. In der Gedenkstätte Buchenwald hatte Pfarrerin Hirzel ein Zeitzeugengespräch mit Naftali Fürst organisiert– zur Stunde der Befreiung, die auch Melissas Opa hier erlebt hatte. Dort erhielt Melissa auch Kopien der Archiv-Unterlagen über ihren Großvater.

Nicht nur am 7.11.2015 im Anno, sondern auch beim ökumenischen Pogrom-Gedenken der Königswinterer Talgemeinden am 8.11.2015 hat Melissa den Bildervortrag im vollbesetzten evangelischen Gemeindezentrum in Dollendorf gehalten. Dem schloss sich ein sehr bewegter, nachdenklicher Austausch zwischen den verschiedenen Generationen an, die mit einer gemeinsamen Andacht endete.

Für die 5-tägigen Internationale Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages zusammen mit 80 in der Gedenkarbeit engagierten Jugendlichen im Januar 2016, die in Berlin und Nordhausen stattfinden wird, hat Frau Hirzel sie gern benannt. Höhepunkt wird die Teilnahme an der Gedenkfeier an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag sein. Darüber wird sie uns dann auch wieder berichten.

Und hier Giulia Bornées Eindrücke und O-Töne zu Melissas Vortrag im Anno:

„Während Melissas einstündigem Vortrag herrscht Totenstille, die auch danach anhält. Alle Schüler lauschen gebannt der schrecklichen Geschichte ihres Opas. Ab und zu beginnt leises Murmeln, wenn Melissa besonders schlimme Sachen erzählt, wie zum Beispiel das brutale Totschlagen des Vaters vor den Augen seiner Familie. Immer wieder greift Melissa auf ein Zitat ihres Großvaters zurück: „Einer muss überleben!“, welches ihn die ganze Zeit über, selbst als er nur noch 35 kg wog, am Leben hielt. Als sie zum Ende hin ein Gedicht ihres Opas „Auschwitz – warum?“ vorliest, in dem er mit Auschwitz abschließen möchte und sich von seiner ermordeten Familie verabschiedet, gleicht die Stimmung einer Andacht.

Selbst nachdem Melissa ihren Vortag beendet hat, drehen sich die Privatgespräche ausschließlich um das Gehörte, ansonsten herrscht weiterhin geschockte Stille. Während Melissa einen Ordner zeigt, indem Willi Kessler seine Geschichte in Form von Collagen aus etlichen Zeitungsartikeln verarbeitet, hört man erste positive, aber zugleich fassungslose Rückmeldungen: „Gänsehaut pur!“ „Herzergreifend!“ „Das war mein erster Zeitzeugenbericht, den ich bewusst realisiert habe!“ Andere versuchen die Geschichte zu begreifen: „Es ist so erschreckend, so etwas zu hören!“ „Einfach dumm, was manche Menschen anderen antun können!“ „Besonders geschockt hat mich die Stelle, als Melissa erzählt hat, dass der Jude, dem die Häftlingsnummer 100 000 und zur Belustigung noch ein Eichenlaubkranz um die Zahl herum in die Haut eingraviert wurde, danach auf der Stelle erschossen wurde. Ihr Opa war gerademal zwei Nummern davor!“

In einer Sache sind sich jedoch alle einig: Melissa, als Enkelin eines Überlebenden von Auschwitz, hat die Geschichte ihres Großvaters total toll und mit viel Mühe recherchiert und erzählt.“

Annette Hirzel