Schülerinnen und Schüler des Q2-Kurses Evangelische Religion von Frau Hirzel waren eingeladen, sich mit ihrem eigenen Blick auf das Thema "Brauchen wir einen neuen Generationenvertrag", ihren Erfahrungen und Zukunftsperspektiven in das Gespräch der Kirche mit Politik und Gesellschaft einzubringen.  

Seit 2009 lädt die Ev. Kirche im Rhld. (EKiR) zusammen mit der EKD zum Johannes-Rau-Kolloquium ein. Dieses gesellschaftspolitische Gesprächsforum soll das Lebenswerk von Johannes Rau (1931 - 2006), ehemaliger Bundespräsident, NRW- „Landesvater“ und langjähriges Mitglied der Synode der EKiR würdigen. Als Gastredner wurde Bundesminister a. D. Heiner Geißler erwartet.

Zuvor hatten sich die Jugendlichen mit den geschichtlichen und sozialen Hintergründen des sozialen Generationenvertrages beschäftigt, aus biblischer und sozialethischer Perspektive das Verhältnis zwischen den Generationen und ihre Verantwortung füreinander beleuchtet und Fragen gestellt zu den Folgen des demographischen Wandels.

Dann kam der spannende Tag, an dem ein kleines Filmteam der EKiR ihre O-Töne im Anno einfing. Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelte sich vor laufender Kamera eine lebhafte Diskussion, welche Schritte gesellschaftspolitisch nötig wären für einen gerechten Lastenausgleich zwischen den Jüngeren und den Älteren, den Erwerbstätigen mit und ohne Kinder, zwischen den ganz Jungen und der heute mehr denn je fitten und gut ausgebildeten Gruppe derer, die ihre Berufstätigkeit beendet und noch viele Jahre Ruhestand vor sich haben. Liegen da nicht Schätze an Erfahrung brach, auf die unsere Gesellschaft vielleicht angewiesen ist? Und wie sieht es aus, wenn die Geburtenzahl weiterhin stagniert? Ist dieses Modell des Lastenausgleichs zukunftsfähig?

Ein Zusammenschnitt dieser O-Töne sollte den Vortragsabend eröffnen.

Mit dem Bus fuhren wir am 4. November mittags zur Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen. Hier war vor 80 Jahren, Ende Mai 1934, die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet worden, mit der Mitglieder der evangelischen Kirchen – erstmals als evangelische Synode vereint - dem Allmachtsanspruch der NS-Diktatur eine Absage erteilt hatten. Dazu gibt es vor Ort derzeit eine sehr ansprechende und informative Ausstellung, durch die wir vom Projektleiter, Pfarrer Martin Engels, eine interessante Sonderführung erhielten. (Mehr dazu unter www.barmen34.de)

Beeindruckend, aber auch bedrückend der Blick aus den Gemeinderäumen auf die unmittelbar benachbarte, mit Kameras und Polizeipräsenz hoch gesicherte jüdische Synagoge, für deren Bau die evangelische Gemeinde seinerzeit ihr Grundstück zur Verfügung gestellt hatte und auf die, wie wir aus den Medien wussten, wenige Wochen vorher ein Brandanschlag verübt worden war. Selbst dort zu stehen ist etwas anderes als die Bilder im Fernsehen zu sehen.

Dann war es soweit. Nach einer musikalischen Eröffnung erinnerte der Präses der rheinischen Landeskirche, Manfred Rekowski, an die Bibelarbeit von Johannes Rau beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2005 in Hannover, in der er auf die biblischen Leitfrage „Wenn dein Kind dich morgen fragt…“ u.a. geantwortet hatte:

"Sagt euren Kindern, dass euer Leben verdankt ist dem Lebenswillen Gottes.

Sagt ihnen, dass euer Mut geliehen war von der Zuversicht Gottes.

Sagt ihnen, dass eure Verzweiflung geborgen war in der Gegenwart des Schöpfers.

Sagt ihnen, dass wir auf den Schultern unserer Mütter und Väter stehen.

Sagt Ihnen, dass ohne Kenntnis unserer Geschichte und unserer Tradition eine menschliche Zukunft nicht gebaut werden kann.“

Mit großer Spannung erwarteten wir den 7-minütige Filmschnitt mit O-Tönen aus dem Anno-GymnasiumSiegburg auf der Leinwand, der von den ca. 150 Gästen mit einem fröhlichen Applaus gewürdigt wurde und der dem Abend jugendlichen Schwung verlieh. Dahinter musste sich allerdings der inzwischen 84-jährige Gastredner Heiner Geißler nicht verstecken.

Mit gebeugtem Gang, aber aufrechter Haltung hielt er aus dem Stand eine knapp einstündige flammende Rede gegen die drei großen „G“, die die Welt regieren: Geld, Geiz, Gier.

Generationenvertrag ist ein anderes Wort für Solidarität zwischen den Generationen und bedeutet Nächstenliebe, von der auch der demografische Wandel nicht entbindet.“ Die These, dass jeder für sich selbst sorgen soll, empfindet Geißler als „unsagbar dumm, und wer das sagt, weiß nicht, was in der Welt los ist“. Die USA sieht er dabei als warnendes Beispiel für mangelnde Solidarität.

Mit scharfer Zunge erteilte er dem gesellschaftsfähig gewordenen Egoismus unter der Parole „Geiz ist geil“ eine zornige Absage Die Kirchen forderte er auf, sich lauter gegen solche menschenverachtenden Werbe-Parolen zu positionieren und ihren eigenen Auftrag und ihr diakonisches Handeln nicht von ökonomischen Zwängen beherrschen zu lassen.

Auch wenn der demographische Wandel nicht wegzudiskutieren wäre, sah Geißler ein Mittel, den Generationen-Vertrag zu finanzieren, in einer weltweiten Finanz-Transaktions-Steuer. „Da werden Billionen umgesetzt, ohne dass dafür Steuern erhoben werden.“

Sozialsysteme können nur funktionieren, wenn es genügend qualitativ hochwertige und gut bezahlte Arbeitsplätze gibt statt Minijobs und Leiharbeit.

Wir haben die Pflicht, denen zu helfen, die schwach sind, die Hilfe brauchen“, war Geißler überzeugt und verwies auf das Beispiel Jesu, der zu seiner Zeit Krach gemacht hat – das ist heute genauso nötig: „Krach machen wie Jesus.“

Nach diesem flammenden Plädoyer für Nächstenliebe erhoben sich die Zuhörer spontan von ihren Stühlen und dankten dem Gastredner mit einem langen Beifall.

Gern haben wir vor unserer späten Heimfahrt die Gelegenheit genutzt, uns am leckeren Buffet aus dem Café der jüdischen Gemeinde gütlich zu tun und uns auch mit Präses Rekowski auszutauschen. Gefreut haben wir uns auch über die interessierten Nachfragen vieler Gäste, die sich über unseren Film und unsere Teilnahme herzlich freuten.

O-Töne der Jugendlichen:

Heiner Geißlers sichere und ruhige Art zu reden fand ich sehr beeindruckend.“

Die Veranstaltung überraschte mich positiv wegen vieler interessanter Persönlichkeiten und einem gelungenen Aufbau des Abends.“

Die Ausstellung zur Barmer Theologischen Erklärung war sehr ansprechend und informativ, ebenso die Führung.“

Ich fand den Abend schön und interessant.“

Es war eine gelungene Veranstaltung. Unseren eigenen Eingangsfilm anzuschauen war zwar zuerst befremdlich, danach war man aber sehr stolz.“

"Es war ein großes Erlebnis, Heiner Geißler mal live zu sehen."


Annette Hirzel