Ein Spaziergang durch Siegburg – das klang zunächst wenig spannend für die 145 Sechstklässler des Anno-Gymnasiums. „Wir kennen Siegburg doch!“

Nach dem kulturellen Gang durch die Stadt hatte sich allerdings die Perspektive geändert.
Ja, der neue Spielplatz am Michaelsberg, der war bekannt. Aber die Hänsel-und Gretel-Skulptur direkt neben dem Spielplatz, die war bisher noch nicht aufgefallen. Ach ja, Humperdinck – das war eine Siegburger Persönlichkeit, nach der eine Straße und die Musikschule benannt sind. „War denn Michael auch eine Siegburger Persönlichkeit, wenn wir einen Michaelsberg und eine Michaelskirche haben?“, war die Frage, die kommen musste. Nein, der Erzengel war kein Siegburger, dafür aber ein anderer Heiliger. Schnell war er enttarnt: Natürlich, der heilige Anno, nach dem nicht nur unsere Schule benannt wurde, sondern der die Abtei und die Stadt Siegburg vor fast 1000 Jahren gründete.
ReligionenprojektHnselGretel
Aufgrund der Bauarbeiten konnte die Abteikirche nicht besucht werden. Trotzdem ging es weiter auf kulturellen und religiösen Spuren. Nächste Station war die St. Servatiuskirche. Dort begegneten die Sechstklässler wieder dem heiligen Anno, da in der 800 Jahre alten Kirche der Schrein des Anno aufbewahrt wird. Und sie erfuhren von Daniela Ossowski, Jugendreferentin der Katholischen Jugendagentur, und Kreisjugendseelsorger Daniel Sluminsky, was zur Inneneinrichtung einer katholischen Kirche gehört und das Besondere des Gebäudes ist. Dass es neben der Kirche die Jugendbegegnungsstätte der Katholischen Jugendagentur, genannt Lukas Zwo, gibt, wussten die wenigsten der Schülerinnen und Schüler.
ReligionenprojektServatiuskirche
Auf ihrem weiteren Weg durch die Stadt trafen die Erkundungslustigen in der evangelischen Auferstehungskirche auf Pfarrer Joachim Knitter. Warum gibt es in einer Kirche bloß einen Brunnen und eine Wendeltreppe? Der Innenraum der erst gut 60 Jahre alten Kirche war ähnlich gestaltet wie der der katholischen Kirche, aber das Faszinierende waren die wunderbaren Glasfenster, auf denen die Kinder versuchten, biblische Geschichten zu erkennen.

ReligionenprojektAuferstehungskirche
Es folgte der Rückweg zur Schule - natürlich nicht ohne einen Halt auf dem Spielplatz. Dann ging es aber auch vorbei an einem düsteren Kapitel in der Siegburger Geschichte. Was sind das für goldene Steine zwischen den Pflastersteinen in der Holzgasse? Und da stehen ja auch Namen drauf!

ReligionenprojektStolpersteine

Am jüdischen Gedenkbrunnen erfuhren die Kinder, dass an dieser Stelle bis 1938 ein jüdisches Gotteshaus, die Synagoge, stand, dass diese mutwillig niedergebrannt wurde, jüdische Geschäfte vorsätzlich zerstört und jüdische Mitbürger grundlos verhaftet und verschleppt wurden. Mit Spannung wurde die Inschrift um den Brunnen entziffert. „Erinnerung“ und „Mahnung“, zwei zentrale historische Begriffe, die Kindern nicht unbedingt geläufig sind, bekamen eine Bedeutung und wurden greifbar mit dem weiteren Suchen von Namen auf den Stolpersteinen auf dem Rückweg durch die Fußgängerzone in Richtung Zeithstraße.

ReligionenprojektGedenkbrunnen
An der Schule angekommen, war der Spaziergang aber noch nicht zu Ende. Vor dem Haupteingang der Schule gab es noch einen Stopp auf dem Schulhof. „Was ist das für ein komisches Bild hier auf der Erde, an dem man jeden Tag auf dem Weg in die Schule vorbeiläuft?“, wollten die Schülerinnen und Schüler wissen. Die Symbolik der Intarsie wird schnell entschlüsselt: das Kreuz für das Christentum, der Davidstern für das Judentum und der Sichelmond für den Islam ergeben in dem Bodenbild aus Stahl und Beton das Bild eines Engels, eines Symbols, das in allen drei monotheistischen Religionen eine große Rolle spielt. Die Intarsie ist Teil des Kunstprojekts „Engel der Kulturen“ der beiden Künstler Carmen Dietrich und Gregor Merten, die vor vier Jahren das interreligiöse Kunstprojekt nach Siegburg gebracht haben.

Intarsie2HP

Und die Quintessenz nach dem Spaziergang durch Siegburg: „Wir haben eine Menge neuer Dinge erfahren.“ Und was war das Beste? Dass alle verschiedenen Kulturen in Siegburg zu finden sind. Und dass vor der Tür des Anno-Gymnasiummit in die Intarsie die Aufforderung „zementiert“ ist, dass alle Denkweisen, Kulturen und Religionen nebeneinander friedlich bestehen und wir uns immer wieder für Menschenrechte einsetzen müssen. Tiefgehende Erkenntnisse für Elfjährige, die sich hoffentlich genauso intensiv einprägen wie der Besuch des Spielplatzes.