Eine Elternsicht

Als Mutter ist mir durchaus bewusst, dass viele Eltern Latein keinerlei bis wenig Nutzen beimessen. Auch für Schülerinnen und Schüler ist es zunächst vielleicht nur das geringere Übel, wenn es darum geht, eine zweite Fremdsprache zu wählen: Hier muss man weitestgehend keine andere Aussprache beachten, das Erlernte nicht im direkten Dialog anwenden und Vokabeln nicht in „beide“ Richtungen beherrschen, denn übersetzt wird stets vom Lateinischen ins Deutsche.

Für mich als „Alt-Annonianerin“ ist Latein jedoch die beste Entscheidung, denn rückblickend weiß ich: hier lernt man weitaus mehr als bloß die Sprache!

So habe ich versucht, meinen Kindern das Fach Latein anfangs durch seinen direkten praktischen Nutzen schmackhaft zu machen und lockte sie mit der Aussicht, insgesamt weniger lernen zu müssen, da ihnen Vieles sofort auch in anderen Fächern hilfreich sei. Ohne dass sie es vielleicht bemerken würden, könnten sie mit Hilfe von Latein ihre grundsätzlichen Fähigkeiten im Umgang mit Sprachen erweitern: Was heißt das konkret?

1.      Hier erlernen sie grundlegende grammatische Strukturen.

2.      Sie vertiefen logisches Denken, da sie Texte abstrakt und logisch bearbeiten.

3.      Ihre Sprachkompetenz und Sprachgefühl werden gefördert, da sie bei ihren Übersetzungen zunehmend sinngerechte Formulierungen finden müssen; sie werden darin gefördert, Sprache bewusst und kreativ zu nutzen.

4.      Darüber hinaus müssen sie die Texte später auch interpretieren. Diese Sprach- und Lesekompetenz kommt letztlich allen Fächern zugute.

5.      Die zwangsläufig geforderte Kombinationsfähigkeit beeinflusst Geduld und Konzentration.

Sei es drum - ob für meine Kinder eines dieser Argumente oder die Fächerwahl ihrer Freunde letztlich den Ausschlag für Latein gab, kann ich nicht sagen. Mein stärkstes und eigentliches Motiv war damit sowieso nicht genannt:

6.      die Unterstützung ihrer Persönlichkeitsbildung und - damit verbunden – die Vermittlung von Wertvorstellungen.

Ich selbst hatte dieses Fach während meiner Schulzeit und habe Latein als so viel mehr erfahren: Im Rückblick beurteile und schätze ich die Sprachvermittlung über die Lektüre der u. a. antiken Schriftsteller als eines der Fundamente für die Vermittlung von Wertvorstellungen. Lateinische Sprache und Denken durchdringen Geschichte, Philosophie, Politik, Kunst, Literatur, Rhetorik…unser gesamtes interkulturelles Miteinander. Europa wird als gemeinsame Sprachen- und Wertegemeinschaft erlebt!

Und da ich meine Kinder bei der Bildung ihrer jeweiligen Persönlichkeit unterstützen und ihnen dabei Wegweiser für Werte wie Eigen- und Nächstenliebe, das Streben nach Glück für sich und andere, Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich, der Gemeinschaft und Umwelt aufzeigen möchte, sehe ich in Latein eine ideale Ergänzung zu den richtungsgebenden Grundlagen für eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung.

All diese hehren Ziele treffen indes naturgemäß auf die Lebensrealität: Ich kann nicht leugnen, dass während der Mittelstufe eine zumindest ein Jahr anhaltende Durststrecke liegt, die an all dem zweifeln lässt. In der Pubertät motivieren sich wohl die wenigsten, Vokabel- und Grammatikwissen auszubauen.

Nach dieser jedoch durchaus interessanten Zeit bemerkt man die genannten Synergieeffekte und, da Lateinunterricht am Anno bis zum Abitur sichergestellt ist, macht es mir nun wirklich Freude zu beobachten, inwieweit Latein tatsächlich schon jetzt sichtbar die Ausbildung der Persönlichkeit meiner Kinder inspiriert hat.